Wegsehen, Weitergehen.
November 29, 2009
Es ist ein grauer Tag. Der Asphalt, der Himmel und die homogene Masse der Menschen bilden eine Symphonie der Grautöne. Im Winter trägt niemand Farbe. Man könnte ja auffallen, neben verwelkten Pflanzen und Menschen.
Die Sonne kämpft sich tapfer durch die Wolken, doch bevor sie jemanden wärmen kann, wird von der Dämmerung verschluckt.
Ein Lichtblick erscheint direkt vor mir. Der ist schön! Zu schön, um wahr zu sein. Er hat Locken, die sein feines Gesicht abrunden. Er hat starke Gesichtszüge und neben den Augen erste Spuren von Lachfalten. Die graue Welt verschwindet für einen Moment aus meinem Blickfeld. Ich sehe nur noch ihn, ganz genau.
„Schau mich an, schau mich an, schau mich an!“ schreit alles in mir. So laut und so oft, als ob dieser Satz immer wieder in meinem Kopf widerhallt. Aber es kommt mir nicht über die Lippen. Bestimmt starre ich ihn an. Wenn Blicke töten könnten, wäre er schon tot umgefallen. Ohne mich gesehen zu haben. Wäre schade. Ich würde ihn zu gerne mit meinem Blick fesseln, damit er nie mehr weg kann und bei mir bleibt, weil er so von mir fasziniert ist.
Die dunklen Locken verdecken seine Augen. Doch jetzt hebt er sein eckiges Kinn. „Er hat mich bemerkt!“, juble ich innerlich. Diesmal hüpft der Satz auf und ab in meinem Kopf und vollführt einen Freudentanz. Aber mein Körper regt sich nicht, mir stockt der Atem. Unter seinen rauen Brauen schauen seine schlauen Augen furchtbar scheu. Diese atemberaubenden Augen müssen sich vor niemandem verstecken.
Ich habe zu früh gejubelt. Er schaut durch mich hindurch, er sieht mich nicht. Ich wage einen Blick über die Schulter. Er schaut auf die Uhr. Als ich meinen Kopf wieder wende um ihn weiter zu bewundern, ist er einen schnellen Schritt weitergegangen. Ich weiß genau, gleich ich ist er vorbei und meine Chance mit ihm.
Augen sollten vor Freude strahlen und alle anderen damit erleuchten. Deine Augen sind so traurig, wie ich es noch nie gesehen habe. Ich würde gerne in deinen tiefen Augen versinken und deiner Traurigkeit auf den Grund gehen. Doch dein Blick ist schon zu leer. Man sagt, die Augen seien der Spiegel zu Seele. Aber wenn ich in deine Augen sehe, sehe ich da nur mein Spiegelbild, ich stehe immer noch mitten in der grauen Wirklichkeit.
Du hast den Blick für die anderen verloren, so wie die anderen für dich. Du siehst nur noch eine einzige graue Masse, Individuen gehen darin unter. Jeder lebt in seinem eigenen Kopf, keiner geht aus sich heraus. Was ist aus unseren Träumen geworden? Hans-guck-in-die-Luft gibt es nicht mehr, Hans hat es jetzt eilig und richtet seinen Blick auf seine Füße, um so schnell wie möglich den richtigen Weg zu finden.
Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen! scheint hier jeder zu denken.
Bloß nicht zu viel von sich preisgeben, wir stürzen uns kollektiv in die Anonymität. Bloß nie tiefer gehen, man könnte ja zu viel entdecken. Augen zu und durch.
Geh stattdessen mit offenen Augen durch die Welt und schau den Menschen tief in die Augen, zieh sie in deinen Bann. Lächle, auch für Unbekannte. Manche werden sich wundern, manche werden zurücklächeln, aber alle werden sich freuen.
Man lächelt aber nicht, wenn man nur die Zähne zeigt. Deine Augen zeigen, ob du dich wirklich freust. Nur dann kannst du andere mit deinem wundervollen Lächeln anstecken und graue Massenveranstaltungen in einzigartige Momente verwandeln.
In diesem Moment bist du an mir vorbeigegangen, ohne mit mir einen Blick, ein Wort, einen Gedanken zu tauschen.
Ich fühle mich beobachtet, spüre einen Blick in meinem Rücken. Nein, das kann nicht sein, ich sehe aus wie alle anderen, du hast mich bestimmt nicht gesehen. Mein Blick sinkt zu Boden. Ich stürze mich mit voller Wucht in die graue Masse aus Himmel, Asphalt und den anderen Menschen.
Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen!